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Bukowski & Fromheretillnow present: Lolina (Inga Copeland/Hyperdub, UK), Support: Acolytes

Unter ihrem neuen Pseudonym „Lolina“ präsentiert das ehemalige Hype Williams Mitglied Inga Copeland ihr zweites Album „Live in Paris“. Vor kurzem wurde der schleierhafte Longplayer als 35 minütiges Video veröffentlicht. 
Darin sieht man Copeland, wie sie Ihre Tracks zu von Monopoly inspirierten Visuals performt. Alina Astrova, so heisst Copeland mit bürgerlichem Namen, versteht es gekonnt die Brücken zu schlagen. Ihre Musik ist eine aufgeregte Mischung aus typischem UK Bass und einer brachialen neunziger Jahre Dub Techno Ästhetik. 
Gespickt mit ihrer schimmernden Stimme entstehen immer wieder spürbar komplexe Sound-Collagen, die mit subtilen Verzerrungen und metallischen Echos oszillieren. Egal ob mit oder ohne Dean Blunt, Copeland überzeugt mit ihrem konsequenten Drang für das Neue und Unbekannte.

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Inga Copeland hat unter dem Pseudonym Lolina ein Album aufgenommen, es heisst "Live in Paris". Aber live ist nicht live und Paris nicht gleich Paris. Marc Schwegler erklärt warum. Und was das mit Monopoly und Nabokov zu tun hat.

Junges Mädchen, deliriender Stiefel

Man kennt sie als Inga Copeland. "Live in Paris", eine fünfunddreissigminütige Komposition, begleitet von einem Videomitschnitt der entsprechenden Performance, markiert die jüngste Emanation im Werkkomplex der Künstlerin Alina Astrova unter dem Pseudonym Lolina. Lolina – Lolita? Nicht zufällig erinnert der Künstlername an das berühmteste junge Mädchen der Literaturgeschichte. Im Kern finden sich im Roman von Nabokov bereits die Grundzüge einer Figur, die später von der Theoriegruppe tiqqun in "La théorie de la Jeune-Fille" zur Symbolfigur des neoliberalen Kapitalismus erklärt worden ist. Das Junge-Mädchen sind wir alle: Gefangen in einem Sein, das keine andere Intimität zu sich selbst mehr herstellen kann, als über den eigenen (Waren-)wert und dessen ständige Aktivität nur darin besteht, sich in jedem Detail selbst zu verwerten.

Live in Paris kombiniert synthetische Elemente einer zynisch-verrückten Spiel- und Warenwelt mit einzelnen, signalartigen akustischen Klängen, einigen Field Recordings und Lolinas Gesang. Dem Ganzen haftet ein infantiler Zug an, der auch die Anleihen an Grime und UK Funky durchzieht, die am ehesten an die noch enger an Klubmusik angelehnten Tracks des Vorgängerprojekts von Astrova, Inga Copeland, erinnern. Bereits da klang das Junge-Mädchen an: Nicht nur explizit in dem rätselhaften, mit Actress zusammen produzierten Advice to Young Girls, sondern eigentlich auch schon im Titel des entsprechenden Albums: Because I’m Worth It. Lolinas Sound ist nun dilettantisch bis dilettantistisch, eine Assemblage von Klang-Cartoons, die Referenzen auf zynische Karrikaturen reduziert. Die Musik beschränkt sich auf Fragmentarisches und selbst in den frenetischsten Parts haftet ihr vor allem eine lethargische und resignierte Stimmung an. 

Das Authentizitätsversprechen des Titels wird so denn auch nicht eingelöst: Weder handelt es sich um eine klassische, „echte“ Live-Aufnahme, noch ist der reale Ort Paris relevant. „Live“ und „Paris“ erweisen sich als leere Hüllen: Nicht erfüllbare Versprechen, selbst noch einem nostalgischen Anstrich beraubt. Live in Paris spielt eigentlich auch in einer anderen Stadt: Im Video-Mitschnitt der Performance wird eine Monopoly-Topographie von London per Beamer sauber in Quadrate aufgeteilt an die Wände projiziert – inklusive der symbolisch verniedlichten Insignien und Repressionsmechanismen des Kapitalismus. Im Singsang rezitiert Lolina die entsprechenden Strassenzüge und Begriffe. Vine Street. Community Chest. Coventry Street. Income Tax. A hundred Million Quid. Leicester Square. Chance... Jail, Jail, Jail. Das kapitalistische Wettrennen als abstraktes Spiel: Wie grausam das sein kann, hat jede, die schon mal der Spielmechanik von Monopoly unterworfen wurde, am eigenen Leib erfahren: Freunde und Familienmitglieder ergötzen sich am sadistischen Vergnügen, einem noch das letzte Papiergeld abzupressen.

Das Junge-Mädchen Lolina hat letztlich aber einen subversiven und zerstörerischen Zug. Der destruktive Charakter ist jung und heiter, meinte einst Walter Benjamin: „Er sieht nichts Dauerndes – aber eben darum sieht er überall Wege“. So züngeln am Ende der Performance die Flammen. Der delirierende Monopoly-Stiefel, der von Sinnen im Kaufrausch über die Felder getaumelt ist, landet hinter den Spielgittern. So scheint sich Lolina letztlich den Weg aus der eigenen Kerkerwelt des grossen Spiels mit dessen eigenen Mitteln freizusprengen. Das Junge-Mädchen mag den Krieg nicht, es macht ihn.

Text: Marc Schwegler, zweikommasieben

Video: Lolina - Live in Paris